Dorothee

Stand Dezember 2001

Ende der 50er Jahre heirateten Friedrich und ich. Unser Lebenskonzept hieß: Kinder und Gemeinsamkeit im Privaten und Beruflichen. Bis Mitte der 60er Jahre kamen unsere Töchter Charlotte und Marie sowie unser Sohn Klaus zur Welt. Alle drei waren ausgesprochene Wunschkinder.

Weder die Ärzte in der Geburtsklinik noch der begleitende Kinderarzt nahmen besonders zur Kenntnis, daß beide Töchter mit beidseitigen Leistenbrüchen geboren wurden. Die Information für uns Eltern hieß: Das kann man später mit einem kleinen Eingriff beheben, wenn es "stört".

Marie gewann im Kindergarten ihre Grundschulfreundin Katja, deren Vater Gynäkologe ist. Als er hörte, daß unsere beiden Töchter angeborene Leistenbrüche haben, bat er uns um ein Gespräch und klärte uns über die Möglichkeit auf, daß bei beiden Töchtern eine "testikuläre Feminisierung" vorliegen könnte, die über die weibliche Linie weitergegeben werde, so daß unser Sohn davon nicht betroffen sein kann. Diese Möglichkeit war für uns Eltern natürlich zuerst ein Schock, zumal wir doch Töchter hatten, deren äußere Geschlechtsmerkmale absolut weiblich, also unauffällig waren.

Marie mußte sich ein wenig später einer Blinddarmoperation unterziehen, in deren Verlauf die im Bauchraum vermuteten Gonaden gefunden wurden. Die entnommene Gewebeprobe ergab ein eindeutiges Ergebnis.

Alle Ärzte, denen wir in den Beratungsgesprächen begegneten, empfahlen uns, die Kinder spät (!) zu informieren, um sie unbeschwert aufwachsen zu lassen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die nicht in Frage gestellte Entfernung der Gonaden aus dem Bauchraum anstehen würde, da das Gonadengewebe im Bauchraum zur Entartung neigen würde.

Friedrich und mir war völlig klar, daß die Familienmitglieder beider Linien mit dem Thema nicht hätten umgehen können. Mein Schwiegervater verfügte über eine Unsensibilität und ein schnelles Urteil über Menschen, die nicht in die Norm passten. Meine Mutter war überraschend Witwe geworden und mit zwei heranwachsenden Kindern allein geblieben (eine Schwester und ich als Älteste von den vier Kindern hatten schon das Haus verlassen). Die Lebenslage meiner Mutter war sehr schwierig, kompensierten die beiden jüngeren Kinder doch sehr unterschiedlich, aber für die Mutter sehr belastend, den Tod des Vaters. Und da die XY-Situation über die weibliche Linie vererbt wird, stand für mich fest, daß ich meine Mutter damit nicht belasten konnte.

Die Problematik der beiden Töchter begann aus meiner Sicht erst mit dem Erreichen der Pubertät, in der die Regel ausblieb. Friedrich und ich benutzten die Tatsache als Argument, daß eine Tante erst spät ihre Regel bekam und dann Mutter von drei Söhnen wurde. So hatten wir ein Alibi, die Aufklärung zu verschieben - immer in Beratung mit dem Arzt.

Als dann der Zeitpunkt kam, Charlotte aufzuklären, unternahmen wir eine Kurzreise mit ihr und eröffneten die Situation. Wir Eltern waren entlastet, daß Charlotte unaufgeregt reagierte.

Man empfahl uns einen Spezialisten in E., der sich wissenschaftlich mit diesem weiblichen Erscheinungsbild beschäftigte und ein ausgezeichneter Chirurg sein sollte. Da wir wußten, daß beide Töchter den Operationsweg gehen mußten, hatten wir früh Versicherungen abgeschlossen, die es uns wirtschaftlich ermöglichten, die Kosten für Spezialisten auf diesem Gebiet nicht zu scheuen.

In E. begegneten wir im Vorgespräch einer Oberärztin, der ich bis heute dankbar bin für das liebevolle, lange Gespräch mit unserer Tochter, an dem wir teilnehmen durften. Die Gesprächspassage: "Charlotte, sie sind von der Natur als Frau gedacht, da gibt es keinen Zweifel!" bewahre ich wie einen Schatz.

Zurück zu uns Eltern: Aus heutiger Sicht und heutigem Wissen - speziell was die Psyche anbelangt - haben Friedrich und ich sicherlich Versäumnisse zu verantworten. Es sind inzwischen aber 30 Jahre vergangen, in denen sich gesellschaftlich im Bewußtsein, in der Aufklärung auf vielen Gebieten immenses getan hat (von den wissenschaftlichen Erkenntnissen einmal abgesehen). Wir waren geprägt von den 50er und 60er Jahren, mit ihrem (aus heutiger Sicht) "Muff" und ihrer Verklemmtheit.
1968 läutete die Wende ein, sehr schmerzlich für die ältere Generation. Und Veränderungen brauchen ihre Zeit.

Ich möchte sagen, daß ich Gott dankbar bin, daß er unseren Töchtern nur die "kleinere Variante" zugemutet hat und uns mit ihnen. Inzwischen sind wir natürlich aufgeklärt über die schwierigen Schicksale anderer betroffener Frauen.

Ich möchte nicht theatralisch erscheinen, wenn ich aus 61 Jahren Leben sage: Das Leben ist eine große Herausforderung, für jeden an seinem Platz und in seinem Maß. Und wenn er erkennt, was die Aufgabe für eine Chance bedeutet, beginnt das Leben noch einmal.
Genießen sie es. Der Mensch ist auf der Welt, um glücklich zu sein!

Es grüßt sie alle.

Dorothee